Lektion VIII

Rückschulung

Rückschulung, Re-Integration oder Rücküberweisung sind bezeichnend für die Wiedereingliederung in das allgemeine Schulsystem im Gefolge einer segregierten Förderung (Voigt 1998). Die Durchlässigkeit zur Regelschule wurde als konstitutives Merkmal der Sonderschule erst (wieder-)entdeckt (Frühauf 1986, 93f). Durch die Bemühungen einer angemessenen Förderung von Kindern und Jugendlichen mit abweichendem Lern- und Sozialverhalten in Form von gesonderten Schulsystemen, entstehen gleichzeitig auch Probleme bezüglich der angestrebten Überwindung des Sonderschulwesens. Betroffenen Schülern und Eltern wird das Argument einer möglichen Rückführung aus der Sonderschule in die Regelschule dargeboten, um Widerstände gegen eine Sonderschuleinweisung abzubauen. Schüler, die derzeit jedoch aus der Regelschule ausgegliedert, eine Sonderschulkarriere durchlaufen, befinden sich nicht selten in einer Einbahnstraße welche in soziale Randständigkeit verläuft, aus der es kein Zurück in die schulische Gemeinschaft der „Normalen“ gibt (ebd. 1986).

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4.1            Rückschulung konkret

Die            Förderschullehrer            sind            zu            einer            alljährlichen            Überprüfung            der Sonderschulbedürftigkeit verpflichtet und dementsprechend auch für die Veranlassung einer Rückschulung zuständig. Als Durchgangsschule soll die Förderschule die Schüler schließlich angemessen auf die Rückschulung vorbereiten, so dass sie nur Teile der Schulpflicht in dieser Schule und den Rest an einer allgemeinen Schule absolvieren. „Die Sonderschularbeit und als letzte Phase die Rückschulung, soll als Prozess verstanden werden, einen ausgesonderten Schüler auf eine Integration vorzubereiten, die Integration anzubahnen und nachgehend zu betreuen. Es soll der Versuch sein, einen Schüler, der ‚aus der Rolle fiel’, wieder in den sozialen Kontext einzugliedern, ohne dass die früheren Störfaktoren wieder zur Wirkung kommen“ (Schweppe 1981, 788, zit. n. Voigt 1998, 45). Allgemein wird nach Voigt (1998) zwischen Prä-Rückschulung, der eigentlichen Rückschulung und Post-Rückschulung differenziert. Innerhalb dieses Prozesses sollen einzelne potentielle Rückschüler durch therapeutische und unterrichtliche Maßnahmen an den Leistungstand der entsprechenden Klasse der allgemeinen Schule herangeführt werden. Die Eltern des Schülers werden in den Prozess der Rückschulung miteinbezogen und zudem werden vorbereitende Kontakte zur aufnehmenden Regelschule hergestellt. Die konkrete Phase der Rücküberweisung kann nach Voigt (1998) stufenweise oder direkt stattfinden. Während der dann folgenden ein bis sechsmonatigen Probezeit, gehören die Schüler formell noch zur Förderschule und sollen regelmäßig betreut werden. Der Verbleib des Schülers an der allgemeinen Schule wird erst nach Ablauf der Probezeit abgeklärt. Letztendlich sollen die Schüler zum Zeitpunkt der Rückschulung schon weitestgehend von ihrer Störung befreit sein und nicht mehr im Wesentlichen von der Norm abweichen. Das bedeutet, dass emotionale und soziale Störungen, beseitigt und schulische Leistungsdefizite bis zum Zeitpunkt der Rückschulung aufgeholt werden sollen. Es handelt sich bei Kindern- und Jugendlichen mit dem Förderschwerpunkt der emotionalen und sozialen Entwicklung zwar um das Auftreten von Gefühls- und Verhaltensstörungen, doch mit dieser Störungsform geht eine zeitlich begrenzte Lernstörung oftmals einher und führt somit zu Leistungsdefiziten (ebd. 1998).

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4.2            Zur Problematik

Wesentliche Probleme bei der Rückschulung liegen nach Voigt (1998) für den Rückschüler zum Einen im Umfeld. Bei einem unangemessenen erzieherischen Verhalten der Eltern, wie beispielsweise Hilflosigkeit oder mangelnde Aufsicht, fällt eine positive und unterstützende Instanz für den schulformwechselnden Schüler weg. Hinzukommt außerdem, dass es keine Lobby (z.B. Elternverbände) für verhaltensauffällige Schüler gibt und sie oftmals durch falsche Vorbilder negative Wertmaßstäbe vermittelt bekommen. Dies passiert durch den Einfluss der Gruppe der Gleichaltrigen (peer-group). Neben soziokulturellen und familiären Umständen, in denen sich ein Rückschüler befindet, spielt besonders das schulische Umfeld eine weitere wichtige Rolle. Die unterschiedlichen Unterrichtsbebedingungen von Allgemeiner- und Sonderschule, werfen demnach zum Anderen Probleme auf. In der Förderschule liegt der Schwerpunkt der Lehrpläne eher im affektiven Bereich und es wird gruppenbezogen, empathisch in kleinen Einheiten gearbeitet, was eine intime und vertraute Atmosphäre schafft. In der Regelschule wird der Schwerpunkt hingegen eher auf die kognitiven Leistungen gelegt und es wird in einem eher anonymen Klima, in großen Gruppen, mit ständigem Lehrerwechsel und unter verstärktem Leistungsdruck gearbeitet. Lehrpläne für eine soziale Integration fehlen (ebd. 1998, 53). Es existieren insgesamt vielfältige Anforderungen die im Verlaufe der Rückschulung auf den Schüler zukommen und den Übergang von der Förderschule auf die allgemeine Schule damit erschwerten Bedingungen aussetzen. Zu diesen Anforderungen zählen unter anderem, der tägliche Unterricht über 5-7 Stunden, das tägliche Erledigen der Hausaufgaben, die konsequente mündliche Mitarbeit, das Mitbringen vollständiger Arbeitsmaterialien und die eigenständige An- und Abreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Bezüglich der Rückschulung kommen im Rückschüler Zweifel und Ängste auf. Die Beziehung zu Gleichaltrigen ist von grundlegender Bedeutung und wird gleichzeitig zu einer schweren zu bewältigenden Aufgabe für den Rückschüler, im Bezug auf seine Integration im neuen schulischen Kontext. Wichtige weitere Anforderungen sind in diesem Zusammenhang außerdem, die Umstellung auf den Unterricht in großen Klassen mit vielen Mitschülern, der Wechsel zum Fachlehrerprinzip, das Erarbeiten von Lerndefiziten und der Aufbau von Sozialkontakten, welche sich aus Lehrersicht anhand der Fragebogenerhebung, mit den Ängsten und Unsicherheiten von Rückschülern decken.

Anhand einer bereits 1987 durchgeführten Befragung von Sonderschullehrern von Schlepphorst (zit. n. Mays 2010) erfolgten die Erkenntnisse, dass durch verbesserte Möglichkeiten zur Vor- und Nachsorge, durch Maßnahmen zur Integration und Vorbereitung und durch den verbesserten Kontakt zu den Regelschulen, Rückschulungen optimiert werden könnten. Daran soll im weiteren Verlauf der Arbeit und besonders mit Blick auf das Förderprojekt „In Steps!“ angeknüpft werden.

Des Weiteren wird nun vertiefend auf die schulische Lage für Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf in NRW eingegangen, um daraus die Brisanz der gesamten Integrations- und letztlich auch Rückschulungsproblematik abzuleiten.

4.3            Zur Lage in

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