Lektion VII

3         Zur Transitionsforschung

Grundlegend für die folgenden Erkenntnisse ist unter anderem insbesondere der Artikel „Setting the Scene – Educational Transitions and Moving stories“ aus dem Buch „Educational Transition“ herausgegeben von Jindal Snape (2009). Das aus dem englischsprachigen Raum stammende Wort ‚transition’ steht hierbei auch für ‚moving on’. Es geht also um die Entwicklungsübergänge, wie sie bereits ihre theoretische Explikation im vorangegangenen Teil fanden: „Transition involves moving from one context and set of interpersonal relationships to another“ (Jindal-Snape 2009, 223). Innerhalb dessen gibt es multidimensionale Ansätze und Perspektiven der Transitionsforschung, wobei es nun aber wie gesagt nur um die „Educational Transitions“ von Kindern im Bereich Schule geht (ebd. 2009). Bei einer Standortbestimmung von Übergängen in Bildungsinstitutionen sind Einschätzungen und Beurteilungen der Entwicklung der Kinder durch Eltern, Erzieher oder Lehrkräfte essentiell. Diese Mitbestimmung kennzeichnet den Entwicklungsweg des Kindes. Bei allen Übergängen und Schnittstellen zwischen zwei Lebensbereichen, vom Kindergarten bis ins Berufsleben, finden also Entscheidungsprozesse statt, die von Beteiligten verschiedener Systeme beeinflusst werden (Kommission Rheinland-Pfalz 2005). Hier wird nun ein kurzer allgemeiner Einblick in die Thematik des Übergang zwischen Kindergarten und Grundschule (Primarstufe/primary school) und des Übergangs zwischen der Grundschule und der weiterführenden Schule (Sekundarstufe1/Secondary school) gegeben. Letztendlich wird der Bezug zwischen Transitionsproblematik und Sonderpädagogik hergestellt, welches dem Kernthema dieser Arbeit Rechnung trägt.

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3.1            Allgemein

Innerhalb            der            Transitionsforschung            wird            sich            mit            der            Thematik            von Entwicklungsübergängen auseinandergesetzt. Dabei stehen im Rahmen dieser Arbeit besonders die schulischen Übergänge im Vordergrund, jedoch auch der Übergang vom Kindergarten zur Grundschule ist ein wichtiger Entwicklungsübergang für den Einstieg in die schulische Laufbahn des Kindes:

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„Schulische Bildungsverläufe werden primär in Übergangssituationen festgelegt“ (Neuenschwander 2006, 9).

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Solche Übergänge können einerseits als Herausforderung gesehen werden, andererseits aber auch als Belastung. Ausschlaggebend für den weiterführenden Bildungsweg des Schülers ist die Entscheidung des Lehrers und dies ist charakteristisch für unser selektives Schulsystem. Übergänge erfolgen hier also nach Schulformempfehlungen.

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3.1.1            Kindergarten und Grundschule

Mit dem Eintritt in das 6. Lebensjahr ist für ein Kind in der Regel der Übergang in die Grundschule festgelegt. Die beiden getrennten Bildungsbereiche Kindergarten und Grundschule besitzen eigenständige Bildungsaufträge sowie verschiedenartige Erwartungen an die Kinder: „Mit Eintritt in die Schule soll das Kind in seiner geistigen, körperlichen und sozialen Entwicklung grundsätzlich den Anforderungen einer Schule gewachsen sein, wie sich auch umgekehrt die Schule auf eine große Bandbreite entwicklungsbedingter Differenzen einstellen und jedes einzelne Kind zur Schulfähigkeit heranführen muss“ (Kommission Rheinland-Pfalz 2005, 16). Der Übergang vom Kindergarten zur Grundschule stellt daher eine schwierige Entwicklungsaufgabe für Kinder in diesem Alter dar. Diese Veränderung im Lebensumfeld eines Kindes gilt es zu unterstützen und zu begleiten, um Belastungen entgegenzuwirken und um die Entwicklung des Kindes durch den Übergang zu fördern. Der gesamte Prozess des Übergangs zwischen Kindergarten und Grundschule stellt eine Entwicklungsaufgabe für Kinder und Eltern dar. Im Rahmen einer Übergangsproblematik sollen Kind und Eltern bestimmte Unterstützungsmaßnahmen in Form von einer fachlichen Begleitung des Übergangs (Erzieher, Lehrer) mit an die Hand gegeben werden. Außerdem ist die Kooperation zwischen Kindergarten und Primarstufe in diesem Zusammenhang enorm wichtig (Faust Rosbach 2004). Auch Jindal-Snape (2009) verweist in ihrem Artikel auf die Schwierigkeit des Übergangs vom Kindergarten zur Grundschule für die betroffenen Kinder: „[...], young children might find the transition from preschool to primary school difficult and confusing [...]“ (223).

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3.1.2            Grundschule und Sekundarstufe 1

Nach der vierten Grundschulklasse kommt es in fast allen Bundesländern Deutschlands zur Wahl der geeigneten weiterführenden Schulform. Die Grundschule stellt demnach die gemeinsame erste Stufe des Schulwesens für alle Kinder dar, gefolgt vom Eintritt in das dreigliedrige Schulsystem. Die Gestaltung dieses Übergangs kann ein Problem und eine Herausforderung zugleich darstellen (Beutel). Die Eltern bilden hier eine bedeutende Instanz bei der Entscheidungsfindung. Die Aufgabe der abgebenden Grundschule ist dabei eine intensive Beratung der Eltern und eine Empfehlung für die weitere Schullaufbahn des Schülers auszusprechen. Doch woran orientiert sich eine dem Kind förderliche und diagnostisch gehaltvolle Empfehlung für den weiterführenden Bildungsweg (Beutel)? Die Leistungsbereitschaft, das Lernverhalten und die emotionale Sicherheit etc. des betroffenen Schülers machen dabei wichtige Faktoren aus. Außerdem müssen die Leistungen in den Fächern Deutsch, Mathematik und Sachkunde befriedigend sein. Der erfolgreiche Besuch einer Grundschule bildet also das Aufnahmekriterium für eine weiterführende Schule. Wenn diese Bedingungen nicht erfüllt oder mangelhaft sind und das Ziel des erfolgreichen Besuchs der Primarstufe nicht erreicht wurde, wird eine Förderschule als geeignete Schulform in Betracht gezogen (Kommission Rheinland-Pfalz 2005, 23).

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3.2            Bezug zur Sonderpädagogik

Für Kinder mit Entwicklungsauffälligkeiten ist der Kindergarten die erste Einrichtung, welche sich diesen Kindern mit besonderen Entwicklungsbedürfnissen widmet. Bereits hier kommt es durch die Erzieher und Erzieherinnen zur Förderung der Kinder in bestimmten Bereichen, die auch Verhaltenstrainings implementieren, und zu Diagnosen bezüglich der auffälligen Kinder. Die Eltern werden hinzugezogen, um möglichst frühzeitig an greifenden Maßnahmen teilzunehmen und dem Kind die gerechte Förderung zu gewährleisten, mit Hinblick auf einen positiven Entwicklungsverlauf des Kindes. Auf Grund der frühzeitigen Diagnose im Kindergarten kann es in solchen Fällen zum Übergang in eine Förderschule kommen. Im Rahmen einer sonderpädagogischen Einrichtung sollen die Kinder dort eine entsprechende Förderung erhalten, um dann in eine Regelschule überzugehen.

Aus sonderpädagogischer Sicht sind nicht nur Übergänge vom Kindergarten zur Förderschule von Bedeutung, sondern insgesamt vier unterschiedliche Übergangsarten: (1) Der Übergang von der Regel- in eine Förderschule. (2) Die „Rückführung“ von einer Förder- in eine Regelschule während der Schulzeit. (3) Der Übergang von der Förderschule in die nachschulische Zeit, insbesondere hin zu Berufsausbildung und Arbeit. (4) Im Zuge der verstärkten Bemühungen um schulische Integration von Kindern mit Behinderungen und Beeinträchtigungen ist auch die Frage des Übergangs eines solchen Kindes von der Grundschule als Regeleinrichtung in die Sekundarstufe zu bedenken (Kommission Rheinland-Pfalz 2005, 29 ff.). Die vorliegende Arbeit thematisiert dabei ausführlich die Rückführung eines Förderschülers an eine Regelschule im Gesamtzusammenhang mit allen bisherigen Erkenntnissen. Im Verlaufe eines Übergangs von der Förderschule mit emotionalem und sozialem Förderschwerpunkt in die allgemeine Schule kommt es zu vielfältigen Anforderungen an die potenziellen Rückschüler, die es zu überwinden gilt.

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3.3            Zusammenfassung

Schulübergänge sind sehr bedeutsam innerhalb der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Die Transitionsforschung beschäftigt sich mit genau dieser brisanten Thematik und verweist auf die auftretenden Schwierigkeiten bei Entwicklungsübergängen vom Kindergarten an bis hin zum Eintritt ins Berufsleben. Die bisherige theoretische Fundierung in diesem Abschnitt gab einen Überblick über die Transitionsproblematik bei der Einschulung, also beim Übergang vom Kindergarten in die Grundschule, und bei dem Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe 1. Der Bezug zur Sonderpädagogik verweist auf die Besonderheiten im Rahmen der Übergänge in Verbindung mit einer Förderschule. Für den weiteren Verlauf der Arbeit stellen diese Übergangsphasen die zentrale Problematik dar. Bei schulischen Übergängen kann es zu Veränderungen des schulischen Selbstkonzeptes des Schülers kommen. Besonders Übergänge auf die Förderschule können mit fehlender Selbstwirksamkeit und Motivation einhergehen, welche es zu überwinden gilt. Hinsichtlich dieser belastbaren Umstände stellt dann ein Übergang von der Förder- in die Regelschule eine enorme Herausforderung für den potenziellen Rückschüler dar. Dieser Wechsel der Schularten ist mit aller Vorsicht und Sorgfalt vorzubreiten und durchzuführen, damit kein negativer Einfluss auf die Entwicklung des jungen Menschen entsteht.

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