Lektion VI

Der folgende Abschnitt setzt sich nun genauer mit dem zentralen Thema der äußeren Bedingungen, unter welchen Kinder heute heranwachsen auseinander.

:

2         Die Ökologie der menschlichen Entwicklung

Wenn Urie Bronfenbrenner (1981) von der Ökologie der menschlichen Entwicklung spricht, meint er „eine vom Menschen selbst gestaltete und gestaltbare Umwelt“. Es geht um die aktive Auseinandersetzung des Menschen mit seinem alltäglichen Umfeld, sowie die Verwirklichung menschlicher Fähigkeiten und individueller Tätigkeiten in Abhängigkeit von größeren sozialen und institutionellen Kontexten. Die fortschreitende, gegenseitige Anpassung des aktiven, sich entwickelnden Menschen zu den wechselnden Eigenschaften seiner unmittelbaren Lebensbereiche steht also nach Bronfenbrenner letztlich im Vordergrund der Ökologie der menschlichen Entwicklung. Hierbei gilt der sich entwickelnde Mensch als wachsende dynamische Einheit, welcher seine Lebenswelt fortschreitend in Besitz nimmt und umformt und die Interaktion zwischen Mensch und Umwelt ist durch Reziprozität gekennzeichnet. Wichtig ist im Zusammenhang außerdem der sogenannte ökologische Übergang welcher stattfindet, „wenn eine Person ihre Position in der ökologisch verstandenen Umwelt durch einen Wechsel ihrer Rolle, ihres Lebensbereichs oder beider verändert“ (ebd. 1981, 43). Diese Umwelt gliedert sich in mehrere Lebensbereiche und deren Verbindungen zueinander. Dies muss man sich als eine „ineinandergeschachtelte Anordnung konzentrischer, jeweils von der nächsten umschlossener Strukturen vorstellen“, wobei sich diese Strukturen in sogenannte Mikro-, Meso-, Exo- und Makrosysteme unterteilen (ebd. 1981, 38). Diese Systeme werden nun vorgestellt, wobei das Mesosystem in den Fokus dieser Arbeit gerät.

.

2.1            Die Systeme

2.1.1            Das Mikrosystem

Nach Bronfenbrenner (1981) wird das Mikrosystem als „ein Muster von Tätigkeiten und Aktivitäten, Rollen und zwischenmenschlichen Beziehungen, die die in Entwicklung begriffene Person in einem gegebenen Lebensbereich mit den ihm eigentümlichen physischen und materiellen Merkmalen erlebt“, definiert. Ein Lebensbereich meint hier einen Ort, an dem Menschen leicht in die direkte Interaktion mit anderen treten können. Im Vordergrund stehen hier laut Bronfenbrenner (1981) Tätigkeiten, Rollen und zwischenmenschliche Beziehungen sowie die Art und Weise wie diese Eigenschaften von den sich entwickelnden Personen wahrgenommen werden. Doch was meint dies im Bezug auf die Rückschulungspraxis? Die Förderschule stellt folgernd aus den bisherigen Erkenntnissen einen Lebensbereich des Rückschülers dar und darin findet sich das Mikrosystem in Form von den zwischenmenschlichen Beziehungen des Rückschülers zu seiner Klassenlehrerin oder seinen Mitschülern. Dementsprechend bestehen innerhalb dieses Mikrosystems auch verschiedene Verhaltens-, Tätigkeits- oder Rollenmuster. Im Zuge der Rückschulung kommt es nach Mays (2010b) zu einem Wechsel von einem Lebensbereich in einen anderen und somit auch zu einer vollständigen Auswechselung der Mikrosysteme. „Es entstehen neue Beziehungen zu neuen Klassenkameraden, neuen Lehrern und einer neuen Schulleitung“ (ebd. 2010b). Diesbezüglich müssen neue Verhaltens-, Tätigkeits- und Rollenmuster erlernt werden. Auch im Bezug auf den Lehrer entstehen während einer solchen Rückschulung neue Mikrosysteme. Insgesamt wird diese Entwicklung subjektiv für alle Beteiligten von bestimmten Faktoren beeinflusst.

-

2.1.2            Das Mesosystem

Das Mesosystem gilt als System von Mikrosystemen und definiert sich folglich als System, welches „die Wechselbeziehungen zwischen den Lebensbereichen, an denen die sich entwickelnde Person aktiv beteiligt ist“, umfasst. Für ein Kind handelt es sich dabei um die Beziehungen zwischen Elternhaus, Schule und Kameradengruppe in der Nachbarschaft (Bronfenbrenner 1981). Es geht hier um die Phase des allerersten ökologischen Übergangs zwischen einem Lebensbereich in einen anderen neuen Lebensbereich. Alles in allem lässt sich sagen, dass mehrere Mikrosysteme demnach ein Mesosystem bilden und den direkten und unmittelbaren Austausch zwischen verschiedenen Mikrosystemen darstellen. Solche Wechselwirkungen können auch, durch beispielsweise andere Personen die aktiv an beiden Lebensbereichen beteiligt sind, entstehen. Bestehende Kenntnisse innerhalb eines Lebensbereiches über einen anderen, erzeugen dabei solche Wechselbeziehungen. Bronfenbrenner (1981) schlägt hierfür vier allgemeine Arten von Verbindungen vor: (1) Beteiligung an mehreren Lebensbereichen: Hiermit ist gemeint dass sich die entwickelnde Person an zwei Lebensbereichen beteiligt und demnach ein ökologischer Übergang von einem zum anderen Lebensbereich erfolgt. (2) Indirekte Verbindung: Hierbei erfolgt die Verbindung zu einem anderen Lebensbereich nicht aktiv durch die sich entwickelnde Person sondern durch die Beteiligung eines Dritten, der als vermittelnde Verbindung dient. (3) Kommunikation zwischen den Lebensbereichen: Bei der Kommunikation gibt es viele Möglichkeiten zur Vermittlung von Informationen, beispielsweise durch persönliche Gespräche, Telefonate oder schriftliche Benachrichtigungen. (4) Kenntnisse über andere Lebensbereiche: Dabei wird eine Information, die in einem Lebensbereich über einen anderen vorhanden ist, verstanden. Schlussfolgernd betont Bronfenbrenner (1981, 200ff): „Die bestimmende direkte Verbindung zwischen den Lebensbereichen ist die, welche die Existenz des Mesosystems begründet – der Übergang, der stattfindet, wenn eine Person in einen neuen Lebensbereich eintritt.“

Wenn man sich ferner den Wechsel von der Förderschule an eine Regelschule vorstellt, findet vor diesem Hintergrund eine Erweiterung des Mesosystems des Rückschülers, durch den Lebensbereich der allgemeinen Schule statt. Bereits vor Beginn der konkreten Rückschulung befassen sich Rückschüler und dessen Eltern gedanklich mit dem geplanten Schulwechsel. Da Rückschüler und Eltern meistens schon Monate zuvor von dem geplanten Schulwechsel erfahren, treten sie damit in eine mehrwöchige Übergangsphase ein, wodurch Wechselwirkungen bezüglich der Entwicklung von Einstellungen und der Fokussierung von bedeutsamen Aspekten auf der Meso- und Mikroeben hervorgerufen werden (Mays 2010b). Bei der konkreten Rückschulung kommt es außerdem auch zur Erweiterung des Mesosystems für die betroffenen Lehrer durch den gegenseitigen Aufbau von            Kommunikationsstrukturen            zwischen            Förder-            und            Regelschule.            Die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Mikrosystemen „Förderschullehrer“ und „Regelschullehrer“ verändert oder festigt nach Mays (2010b) bestehende Einstellungen. Wichtig für die Fragebogenuntersuchung von Mays und interessant im Hinblick auf die angliedernde Evaluation der qualitativen Aussagen der rückläufigen Fragebögen, ist die Frage nach den bestehenden Kommunikationsstrukturen zwischen Förder- und Regelschule. Welche Kenntnisse besitzen die Beteiligten einer Rückschulung über den anderen Lebensbereich?

.

2.1.3            Das Exosystem

Das Exosystem beschreibt „einen Lebensbereich oder mehrere Lebensbereiche, an denen die sich entwickelnde Person nicht selbst beteiligt ist, in denen aber Ereignisse stattfinden, die beeinflussen, was in ihrem Lebensbereich geschieht, oder die davon beeinflusst werden“ (Bronfenbrenner 1981, 42). Beispielsweise stellen Arbeitsplatz der Eltern, Schulklassen der Geschwister oder Bekanntenkreise der Eltern, Exosysteme für Kinder dar. Als weiteres Exosystem fungiert das Schulamt in seiner Funktion der Vorgabe von verbindlichen Vorgehensweisen bei Rückschulungen. Dabei hat das Schulamt enormen Einfluss auf die Lebensbereiche „Förderschule“ und „Allgemeine Schule“. So sind beispielsweise die Länge der Probepraktika sowie die Richtlinien für schulformübergreifende Kooperationsvereinbarungen zwischen zwei Schulen in der Regel vom Schulamt vorgegeben (Mays 2010b). Die übergeordneten Exosysteme Bezirksregierung oder wie bereits gesagt das Schulamt, haben also Einfluss auf die untergeordneten Systemstrukturen. Auf dieser Ebene werden Entscheidungen über die Einbindung des Themas Rückschulung auf schulformübergreifenden Konferenzen, über individuelle Handlungsspielräume hinsichtlich der Organisation von Rückschulung sowie über die Bereitstellung von Stundenkontingenten für präventive, integrative und unterstützende Maßnahmen getroffen (ebd. 2010b).

-

2.1.4            Das Makrosystem

„Der Begriff des Makrosystems bezieht sich auf die grundsätzliche formale und inhaltliche Ähnlichkeit der Systeme niedriger Ordnung (Mikro-, Meso- und Exo-), die in der Subkultur oder der ganzen Kultur bestehen oder bestehen könnten, einschließlich der ihnen zugrunde liegenden Weltanschauungen und Ideologien“ (Bronfenbrenner 1981., 42). Hier kommt es nun zu verschiedenen Konstruktionsanweisungen, die den verschiedenen Lebensbereichen eine Struktur verleihen. Eine Schule in Finnland unterscheidet sich zum Beispiel rein äußerlich nicht von anderen Schulen, aber hinsichtlich der entsprechenden Einrichtung beispielsweise in der Bundesrepublik Deutschland, kommt es zu erheblichen Unterschieden. „Die Unterteilung des Schulsystems in NRW in Grundschule, Gymnasium, Realschule, Hauptschule, Gesamtschule und Förderschule ist vor diesem Hintergrund ebenfalls als verbindliche Konstruktionsanweisung zu verstehen“ (Mays 2010b). Erst durch dieses gegliederte Schulsystem, kommt es zu der Auseinandersetzung mit solchen ökologischen Übergängen zwischen den Lebensbereichen Förderschule und Allgemeiner Schule. So definiert sich ein Realschüler als Realschüler oder ein Förderschüler als Förderschüler. „Die ‚Metamorphose’ vom Förderschüler zum (in der Regel) Hauptschüler geht daher mit einer massiven Veränderung des eigenen Rollenverhaltens und – verständnisses einher“ (ebd. 2010b). Letztendlich ist zu sagen, dass sich diese Konstruktionsanweisungen im Rahmen des Makrosystems auf alle untergeordneten Systeme bis zum Mikrosystem auswirken.

.

Bronfenbrenner (1981) betont in seinem Werk außerdem die Brisanz der Informationsvermittlung von einem Lebensbereich über einen anderen. Hier geht es um die schriftliche oder mündliche Wissensweitergabe von Generation zu Generation, tradiertes Wissen und persönliche Kindheitserinnerungen und Erfahrungen, Vermittlung von Informationen durch Bücher oder Fernsehen etc. und ganz besonders um Gespräche, die in einem Lebensbereich über andere geführt werden (ebd. 1981, 208). Die Informationen können aus verschiedenen Quellen stammen und auf zwei Ebenen ihre Funktion haben, welche die folgenden zwei Hypothesen nach Bronfenbrenner spezifizieren sollen:

Hypothese 41

„Die Entwicklung wird durch den Eintritt in einen neuen Lebensbereich in dem Ausmaß gefördert, in dem die Person und die Mitglieder der beiden betroffenen Lebensbereiche schon vor dem Übergang über einschlägige Informationen, Beratung und Erfahrungen verfügen“ (ebd. 1981, 208).

,

Hypothese 42

„Die Entwicklung einer Person wird beim Eintritt in einen neuen Lebensbereich in dem Ausmaß begünstigt, in dem zutreffende Informationen, Ratschläge und Erfahrungen über einen Lebensbereich dem anderen fortlaufend zugänglich gemacht werden“ (ebd. 1981, 208).

Diese beiden Hypothesen beziehen sich darauf, dass gewisse Kenntnisse neben gesprochenen oder geschriebenen Informationen, Ratschlägen und Meinungsäußerungen, auch anhand von Gegenständen vermittelt werden die einen Lebensbereich repräsentieren. Beispielsweise ein Kind, welches sein Lieblingsspielzeug von zu Hause mit in die Schule nimmt (ebd. 1981, 208). Hinsichtlich dieser Arbeit geht es dabei ausdrücklich um die damit verbundene Problematik beim Übergang zweier Lebensbereiche, wie dem vo der Förder- zur Regelschule.

.

Chronosystem

Der Begriff Chronosystem bezieht sich auf langfristige Forschungsmodelle, in denen die zeitliche Veränderung oder Stabilität nicht nur der sich entwickelnden Person, sondern auch des Umweltsystems in Betracht gezogen werden können. Dabei wird zum Einen die Form des Lebensübergangs definiert, welcher eintritt wenn eine Person ihren Lebensbereich oder ihre Rolle wechselt und somit ihre Position in der Umwelt verändert. Zum Anderen handelt es sich bei dem Lebenslauf um eine Form des Wandels die eine Kette von Übergängen über einen längeren Zeitraum hinweg darstellt. Beide Formen sind sowohl Folgen, als auch Anstöße von Entwicklungsprozessen. Besonders bedeutsam für den Verlauf einer Entwicklung sind die von Bronfenbrenner benannten ökologischen Übergänge, die schon auf niedrigen Ebenen stattfinden und fast immer zu einer Veränderung der Rolle einer Person führen und damit verbunden auch zu bestimmten Rollenerwartungen (Mays 2010b).

.

2.2            Zusammenfassung

Die von Bronfenbrenner (1981) verfassten Inhalte zur Ökologie der menschlichen Entwicklung und die darin formulierten Systeme und Hypothesen ließen Schlussfolgerungen für die Entwicklung des Fragebogens von Daniel Mays zu. Die Überprüfung der Hypothesen 41 und 42 wäre nach Bronfenbrenner insofern interessant, als das man herausstellen könnte, wie sich solche Verbindungen zwischen den Lebensbereichen auf die Beziehungen zwischen Elternhaus und Schule oder speziell Förderschule und Regelschule und dementsprechend auf die Entwicklung des Kindes auswirken. Besonders hervorzuheben sind die Ausführungen Bronfenbrenners im Bezug auf den ökologischen Übergang als Entwicklungsanlass. Ein solcher Übergang erfordert einfach ein hohes Entwicklungspotenzial, da die Heranwachsenden in neue Lebenskontexte eintreten. Die sich entwickelnde Person knüpft neue zwischenmenschliche Beziehungen und eröffnet sich einen neuen Erfahrungsraum. Die nachfolgende Abbildung verdeutlicht den Gesamtzusammenhang zwischen den einzelnen Systemen nach Bronfenbrenner und der Rückschulung. Hier wird die Bedeutsamkeit des Mesosystems noch mal hervorgehoben und in den Kontext der Rückschulung gesetzt. Die bisherigen Erkenntnisse innerhalb dieses Themenkomplexes, wo es um den sich entwickelnden Menschen und dessen gestaltbare Umwelt geht, sowie dessen sogenannte ökologische Übergänge in verschiedene Lebensbereiche und die damit einhergehenden Rollenwechsel, werden in dieser Abbildung zusammenhängend dargestellt:

.

Abb. 1: Zusammenhang zwischen Bronfenbrenners Theorie der „Ökologie der menschlichen Entwicklung“ und der Rückschulung

Quelle: Mays, 2010

Comments are closed.