Lektion IX

Das Rückschulungsprojekt „\” IN STEPS \”

„In Steps!“ – Erfolgreiche Rückschulung durch Kooperation, ist ein tertiärpräventives Förderprogramm zur nachhaltigen Re-Integration von Schülern der Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung in das Allgemeine Schulsystem. Dieses Förderkonzept widmet sich also dem Übergang zwischen Förderschule und Regelschule. Da dieser Übergang und speziell die Umschulung eine schwierige Phase im Leben eines jungen Menschen darstellen, entsteht daraus die Notwendigkeit einer entsprechenden Unterstützung. Sogenannte Rückschulungshelfer (RH) (z.B. Studenten) begleiten Schüler, die zurück geschult werden sollen über den gesamten Zeitraum der Rückschulung, um ihnen den Übergang zu erleichtern (Mays 2010a). Die primären Ziele von „In Steps!“ sind zum Einen, die Verdichtung der Kommunikationsstrukturen zwischen den beteiligten Personen (Lehrer der allgemeinen Schule, Förderschullehrer, Eltern, Schüler) und zum Anderen, die Verbesserung der Durchlässigkeit zwischen der Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung und der allgemeinen Schule. Es ist außerdem wichtig, die auf den potenziellen Rückschüler (RS) zukommenden, bereits vorab erläuterten Anforderungen zu reduzieren und zu entzerren und den Schüler zusätzlich durch einen Pädagogen zu unterstützen. Das Förderprogramm „In Steps!“ setzt an diesen Punkten an und versucht somit die Rücküberweisungen zu optimieren. Diesbezüglich gliedert sich das Förderprogramm in fünf verschiedene Unterstützungsphasen und aufeinander aufbauende „Steps“:

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Step 1 – kennenlernen;

Step 2 – vorbereiten;

Step 3 – unterstützen;

Step 4 – begleiten

und schließlich Step 5 – absichern.

Abb 3

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Abbildung 3 betont diesen Verlauf:

Abb. 6: Die aufeinander aufbauenden Unterstützungsphasen bei „In Steps!“

Quelle: Mays, 2010a

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Insgesamt durchläuft der potenzielle Rückschüler verschiedene Praktika, um Misserfolgserlebnissen vorzubeugen. Dazu gehört zunächst ein Schnupperpraktikum, gefolgt von einem dreiwöchigen Vollzeitpraktikum sowie der konkreten Phase der Rückschulung in Form von einem „halbjährigen Probepraktikum“. Letzteres soll schließlich in der erfolgreichen Rückschulung und der Aufhebung des sonderpädagogischen Förderbedarfs enden. Die folgende Abbildung skizziert dies noch einmal:

Abb. 7: Das Rückschulungsverfahren mit dem Förderprogramm „In Steps!“

Quelle: Mays, 2010a

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Im Nachstehenden werden nun die 5 Steps des Förderprogramms, nach Angaben des Handbuchs zu „In Steps!“ von Mays (2010a) genauer vorgestellt:

In Steps! – Menschen stärken.

Praktikum á 2 Std. + Pausen an einer Kooperationsschule

Begleitung durch einen Rückschulungshelfer

Begleitung durch einen Rückschulungs

Begleitung durch einen Rückschulungshelfer

Begleitung durch einen Rückschulungshelfer

Einleitung des AO-SF

UNTERRICHT AN DER FÖRDERSCHULE

SONDERPÄD. DIAGNOSTISCHE – PHASE

Das „dreiwöchige“ Praktikum

(DAS „HALBJÄHRIGE“ PRAKTIKUM)

helfer

Aufhebung des sonderpädagogischen Förderbedarfs

Step 1 Bei der Vorbereitung des Übergangs zwischen Förder- und Regelschule fallen bestimmte Tätigkeiten in den Aufgabenbereich des Rückschulungshelfers. Innerhalb der Phase des ersten Kennenlernens steht zunächst einmal der Beziehungsaufbau zwischen dem potenziellen Rückschüler und dem RH im Vordergrund. Hierbei wird das Thema der Rückschulung erst nach und nach thematisiert. Gemeinsam mit dem Förderschullehrer soll eine Ist-Stand-Analyse durchgeführt werden und anschließend sollen mit dem RS zusammen konkrete Absprachen und Ziele vereinbart und schriftlich festgehalten werden (Förderplanung s. Anhang). Des Weiteren soll nun auch schon der Kontakt zur möglichen Regelschule hergestellt werden. Dazu soll ein Termin mit der Schulleitung der aufnehmenden Schule vereinbart werden. Hinzukommt ein Elterngespräch, um die begleitende Maßnahme in ihren Einzelheiten und der weiteren Vorgehensweise zu besprechen. Zu den Aufgaben des Förderschullehrers gehört die Abklärung der Finanzierung des Bustickets für den RS. Insgesamt soll innerhalb dieser ersten Phase allen Beteiligten bewusst gemacht werden, dass in der Folgephase dem „Prinzip der offenen Tür“ nachgekommen werden soll. Das bedeutet, dass die zweite Phase ein Schnupperpraktikum darstellt, um auch den Schülern, die noch nicht alle Verhaltensauffälligkeiten abgelegt haben, die Möglichkeit zu geben sich an einer Regelschule auszuprobieren. Wichtig ist hierbei der Faktor des sozialen Umfeldes und der möglicherweise davon abhängigen Entwicklung gewisser Verhaltensweisen. Dies schließt darauf, dass „verhaltensauffällige“ Schüler aus dem Förderschulkontext heraus, ihr Verhalten ändern können und an einen anderen sozialen Kontext anpassen können. Somit können nicht alle RS im System Förderschule selbst ausgemacht werden und das Schnupperpraktikum an einer Regelschule dient mit dazu dies aufzudecken (Mays 2010a).

Step 2

Step 2 der geplanten Rückschulung stellt die Phase des Schnupperpraktikums mit 2 Stunden pro Woche dar. Insgesamt soll dieses Praktikum über einen längeren Zeitraum von 6-8 Wochen verlaufen. In dieser Zeit soll der RH den RS wöchentlich an die allgemeine Schule begleiten. Das Hauptaugenmerk innerhalb dieser Phase, liegt in der Gewöhnung des RS an die veränderten Anforderungen und schulischen Bedingungen. Dabei stehen die verhaltensbezogenen Anforderungen an den RS im Vordergrund und die Leistungsanforderungen sollen im Rahmen dieser Phase nur sekundär betrachtet werden. Falls jedoch eine völlige Überforderung der zu erbringenden Leistungen vorliegt, sollte dies am Ende des Schnupperpraktikums natürlich miteinbezogen werden. Nach Abschluss des Schnupperpraktikums soll ein Evaluationsgespräch mit allen Beteiligten stattfinden, um zu überlegen ob ein längeres Probepraktikum sinnvoll wäre (ebd. 2010a).

Step 3

Der RS absolviert innerhalb dieser Phase nun ein dreiwöchiges Vollzeitpraktikum an der potenziellen            aufnehmenden            Regelschule.            Hierbei            stehen            nun            neben            den verhaltensbezogenen, auch die leistungsbezogenen Anforderungen an den RS im Vordergrund. Während dieser Zeit muss der RS konsequent begleitet werden, um die deutlich wechselnden Anforderungen abzufedern. Der RH sollte in dieser Zeit 1 Stunde in der Woche mit dem RS und 1-2 anderen Schülern der neuen Klasse den Aufbau von positiven sozialen Kontakten unterstützen. Diese Eingliederungsphase des RS in die neue Umgebung, kann durch kleine Kooperations- und Interaktionsspiele, Gesellschaftsspiele oder Bewegungsangebote gefördert werden. Des Weiteren sollten auch die Leistungsdefizite des RS aufgearbeitet werden. Hierbei sollte ein zusätzlicher Nachhilfeunterricht stattfinden. Nach Abschluss des dreiwöchigen Praktikums soll eine Abschlussevaluation stattfinden, um letztendlich die Entscheidung zu treffen, ob eine Rückschulung des Schülers stattfinden soll (ebd. 2010a).

Step 4

Schließlich beginnt nun die konkrete Phase der Rückschulung. Diese Phase beinhaltet ein halbjähriges Probepraktikum. Erst danach kann ein Erfolg oder Misserfolg der Rückschulung konstatiert werden. Diese Phase stellt die Letzte und auch Schwierigste für den RS dar, da er sich nun kontinuierlich in das neue System integrieren muss und nicht mehr ausbrechen darf. So müssen die Lehrer der allgemeinen Schule am Ende der Probezeit der Auffassung sein, dass der RS den Anforderungen gewachsen ist. Hierbei wird der RS auf leistungsbezogener und verhaltensbezogener Ebene intensiv begleitet und unterstützt. Der Nachhilfeunterricht ist dabei die bedeutende Komponente, wenn es um die Aufarbeitung fachlicher Leistungsdefizite geht. Diese Nachhilfe soll anfänglich zwei Mal in der Woche installiert werden und kann bei einer Stabilisierung der Leistungen, auf ein Mal pro Woche reduziert werden. Um den Entwicklungsverlauf des Schülers festzuhalten und zu reflektieren, gibt es einen für den Klassenlehrer einmal wöchentlich auszufüllenden kurzen Fragebogen. Der RH hat in dieser Zeit die Aufgabe mit Kleingruppen gemeinsame Aktionen vorzubereiten. Diese kooperativen Angebote können beispielsweise etwas Kreatives oder Spielerisches sein, oder auch eine Vorbereitung eines Imbisses. Dieses Angebot sollte ein Mal in der Woche stattfinden und genau mit dem Klassenlehrer abgesprochen sein, um dies als Konstante zu implementieren. Dies soll dem RS ermöglichen, einfacher neue soziale Kontakte zu knüpfen und sich zu integrieren. Die regelmäßige Kommunikation zwischen allen Beteiligten stellt einen anderen wichtigen Bereich, innerhalb der konkreten Rückschulungsphase dar. Die Unterstützung der wechselseitigen Kommunikation zwischen Schüler, RH, Eltern, Klassenlehrer und Förderschullehrer, zählt zu den Aufgaben des RH. Es sollte zumindest ein Mal in der Woche ein telefonischer Austausch stattfinden und bei auftretenden Problemen, wie beispielsweise unentschuldigtem Fehlen, nicht gemachten Hausaufgaben oder provokantem Verhalten, ist ein persönliches Gespräch unabdingbar. Es ist allerdings nicht die Aufgabe des RH, den Beteiligten hinterher zu telefonieren. Diese enge Kommunikationsstruktur ist ein wichtiger Bestandteil des Förderprojekts „In Steps!“ und daher unbedingt einzuhalten, um negativen Entwicklungen im Zuge der Rückschulung entgegenzuwirken. Eine Hypothese im Rahmen dieses Programms ist, dass Rückschulung auch dann scheitert, wenn innerhalb dieser Phase die Kommunikation zwischen den beteiligten Erwachsenen nicht ausreichend ist und der Austausch zwischen den Personen erst dann beginnt, wenn es für das Kind schon zu spät ist. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, die intensive Einbindung des Förderschullehrers. Dieser sollte Elternsprechtage wahrnehmen, um auch mit den Fachlehrern des RS zu sprechen, da letztendlich alle beteiligten Lehrer über den Verbleib oder Nichtverbleib des Schülers bestimmen. Der Förderschullehrer und der RH sollten vereinbarte Gesprächstermine auch dazu nutzen, die Kollegen der allgemeinen Schule über die gesamte Prozedur der Rückschulung aufzuklären. Die belastenden Folgen für den Schüler und seine Familie dürfen hier nicht unerwähnt bleiben, um einer Sensibilisierung für die vom RS erbrachte Leistung Vorschub zu leisten (ebd. 2010a).

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Step 5

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Zum Abschluss der sechsmonatigen Probezeit ist eine besonders intensive Betreuung des RS notwendig, da es zu verstärktem Druck und zu erneut aufkeimenden Versagensängsten kommen kann, welche Einfluss auf das Verhalten und die Leistung des RS haben können. In dieser Phase hat die Begleitung das Ziel positiv zu verstärken und Ängste zu reduzieren (ebd. 2010a).

Durch die systematische Vorbereitung und Begleitung von Schülern mit emotional- sozialem Förderbedarf während der Rückschulung, konnten schon seit dem Sommersemester 2007 mehr als 50 Studierende zu diesem Thema vielfältige Praxiserfahrungen sammeln. Viele Förderschüler erhielten dadurch eine konstante Unterstützung auf dem Weg zurück an die Regelschule. Schon in ersten Evaluationen zeigte sich, dass die Rückschüler von der intensiven Betreuung durch einen Rückschulungshelfer profitieren und letztendlich bereits eine kleine Verbesserung der „Durchlässigkeit“ zwischen Förder- und Regelschule erkennbar ist.

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4.6            Zusammenfassung

Die Durchlässigkeit der Förderschulen erfuhr oft wenig Aufmerksamkeit durch die Pädagogik und die Anzahl derer, die in ein allgemeinbildendes Schulwesen zurückgeschult wurden, umfasste lediglich eine kleine Schülergruppe. Die Geschichte des Förderschulwesens, ist daher aber auch immer die Geschichte derer gewesen, die diese Schulform nur vorübergehend besucht haben und in eine Regelschule zurückgekehrt sind (Frühauf 1986). Dennoch bleibt eine Rückschulungsproblematik bestehen, wenn man sich die Zahlen für NRW ansieht, welche es zu überwinden gilt. Anhand der Tatsache, dass die Förderschule als Durchgangschule definiert wird und ihre Hauptaufgabe in der Re- Integration von Förderschülern in die Regelschule liegt, wächst der Druck erfolgreiche Rückschulungsquoten aufweisen zu können. Das Förderprogramm „In Steps!“ soll hier an verschiedenen Punkten ansetzen, um eine erfolgreiche Rückschulung zu garantieren. „In Steps!“ greift die Problematik der Rückschulungspraxis auf und versucht die Re- Integration in das allgemeine Schulsystem zu optimieren. Der Rückschulungshelfer spielt eine zentrale Rolle innerhalb dieses Prozesses, da dieser als Ansprechpartner für alle Beteiligten zur Verfügung steht und ein wechselseitiges Bindeglied für die Schulen darstellt. Für den gesamten Betreuungsprozess werden den Rückschulungshelfern außerdem bestimmte Checklisten, zur Orientierung und theoretischen Unterstützung, mit an die Hand gegeben (s. Anhang). Die Bilderabfolge auf der nächsten Seite stellt die theoretischen Explikationen und zentrale Aussage zu „In Steps!“ noch einmal karikaturistisch dar:

Abb. 8: Verdeutlicht die Problematik der Rückschulung

Quelle: Mays 2010a

Abb. 9: Zeigt den Erfolg einer Rückschulung durch „In Steps!“

Quelle: Mays 2010a

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5         Zwischenfazit

Der prozedurale Anteil aller Kinder und Jugendlicher mit Förderbedarf in der Bundesrepublik Deutschland sowie die aktuellen Zahlen zum Bestehen von Förderschulen besonders im Raum NRW, verweisen auf die nach wie vor bestehende Brisanz der Integrations- und Inklusionsdebatten. Die gesamten bisherigen theoretischen Erkenntnisse im vorangegangenen Teil der Arbeit, spiegeln diese Problematik wider. Hauptsächlich wird hierbei die Re-Integration in das allgemeinbildende Schulwesen für Schüler einer Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung vernachlässigt. Oberstes Ziel der Förderschulen, ist die Rückschulung der ihr anvertrauten Schüler in ein allgemeinbildendes Schulwesen und die damit verbundene Aufhebung des sonderpädagogischen Förderbedarfs. Aufgrund der enorm geringen Zahlen erfolgreicher Rückschulungen aus den vergangen Jahren, besonders innerhalb von NRW, entsteht Handlungsbedarf. Es ergibt sich die Notwendigkeit nach gezielten Maßnahmen, um Schüler mit emotionalem und sozialem Förderbedarf bei den Übergängen in die Regelschule zu unterstützen. Denn besonders die schulischen Übergänge für Förderschüler, stellen eine schwierige Herausforderung in der kindlichen Entwicklung dar und bilden einen Meilenstein für den weiteren Verlauf ihres Bildungsweges. Der Rückschüler ist verschiedenen Umwelteinflüssen ausgesetzt und muss lernen mit vielen neuen Anforderungen umzugehen. In diesem Zusammenhang kommt es zu Ängsten und Unsicherheiten der Rückschüler. In der empirischen Datenerhebung zur Rückschulungsproblematik von Mays, werden unter anderem diese Ängste aus Lehrersicht benannt. Es wird der Frage nach geeigneten Unterstützungsmaßnahmen für eine erfolgreiche Rückschulung nachgegangen. Wie beurteilen also die befragten Sonderpädagogen die aktuelle Lage zur Rückschulungspraxis? Die nachfolgende empirische Analyse dieser Befragung von Sonderpädagogen soll Aufklärung verschaffen.

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