Lektion III

Diagnostik

„Der Begriff Diagnostik [...] meint die Unterscheidung, unterschiedliche Beurteilung oder einfach die Erkenntnis“ (Hillenbrand 2008b, 113). Heute führt man mit Hilfe von diagnostischen Verfahren methodisch reflektierte Untersuchungen im medizinischen, psychologischen und pädagogischen Bereich durch. Bestimmte Richtlinien oder Kriterien (ICD10 und DMS4), wie bereits vorab erläutert, sind für die Erziehung und im Unterricht von Kindern und Jugendlichen immer bedeutsam, wenn es um die Frage nach der richtigen Bezeichnung für die vorliegende Störung geht. Das auffällige Verhalten muss also beurteilt und unterschieden werden. Wichtig ist dies im Bezug auf die Förderschule, vor allem für zukünftige Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten. Die für die richtige Bezeichnung notwendigen Erkenntnisse lassen sich dann aus dem Prozess der Diagnostik gewinnen (Hillenbrand 2008b).

Diagnostik dient also der Erkenntnisgewinnung in einem Entscheidungsprozess und geht von Annahmen und Vermutungen aus, die man zu bestätigen oder zu widerlegen versucht. Bestimmte methodische Vorgehensweisen im Zuge der Diagnostik orientieren sich an der jeweiligen Fragestellung. Im Verlauf der Erstellung einer Diagnostik kommt es zur Verhaltensbeobachtung, zu verschiedenen Testverfahren, Exploration und medizinischen Untersuchungen, um eine Entscheidung über die eventuelle Störung beim Kind treffen zu können.

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Die Kinder, die für die Aufnahme an einer Förderschule in Frage kommen, müssen mehrstündige pädagogische und psychologische Tests mitmachen. Bei den pädagogischen Tests werden die Kinder in den Fächern Deutsch (Orthographie und Sprachverständnis), Sachkunde (Welt/Umwelt) und Mathematik (die vier Grundrechenarten) untersucht. Daraufhin erfolgen Tests im psychologischen Bereich, die auf die Untersuchung der Persönlichkeitsentwicklung (SET, HANES) und der Intelligenz (HAWIK) abzielen (Quenstedt 1985, 190). Für die Sonderpädagogik spielt die Diagnostik meist im Rahmen einer Platzierungsentscheidung eine bedeutende Rolle. Hierbei wird der Frage nachgegangen, ob ein Schüler an eine Förderschule überwiesen werden soll. Die Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs umfasst insgesamt die Ermittlung des individuellen Förderbedarfs sowie die Entscheidung über den Bildungsgang und den Förderort. Der damit einhergehende Selektionscharakter einer Diagnostik ist allerdings umstritten, denn die Aufnahme an einer Förderschule alleine, beinhaltet noch keine spezifischen Fördermaßnahmen. Diese müssen auf der Basis der diagnostischen Erkenntnisse in einem Förderplan formuliert und in der Praxis umgesetzt werden (Hillenbrand 2008b, 115).

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Wie aber sehen die Häufigkeitsverteilungen für auftretende Gefühls- und Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen und der Verlauf der Störungen aus?

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1.1.4            Prävalenz und Persistenz

Das Gebiet der Epidemiologie umfasst heute das gesamte Spektrum körperlicher und psychischer Störungen. Die Epidemiologie psychischer Störungen beschäftigt sich dabei insbesondere mit der räumlichen und zeitlichen Verteilung (Häufigkeit) psychischer Störungen (deskriptive Epidemiologie) sowie den auslösenden und aufrechterhaltenden Faktoren psychischer Störungen (analytische Epidemiologie). Die sogenannte Prävalenzrate stellt einen Grundbegriff der deskriptiven Epidemiologie dar und erfasst die Zahl der Merkmalsträger oder Erkrankten im Verhältnis zur Gesamtzahl der Untersuchten (Ihle, Esser 2008). Innerhalb der wissenschaftlichen Diskussion tauchen jedoch alles in allem sehr unterschiedliche Zahlen über die Häufigkeit von Verhaltensstörungen auf, was einen transparenten Umgang mit dieser Thematik erschwert.

Man geht heutzutage von 6-Monats Prävalenzraten psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter zwischen 15 und 22% aus (Ihle, Esser 2008). Der Gesundheitssurvey der Weltgesundheitsorganisation ermittelte auf Grundlage von Selbstaussagen von Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 10 und 16 Jahren eine Häufigkeit von kinder- und jugendpsychiatrischen Auffälligkeiten zwischen 16 und 20% in Deutschland. International vergleichbare Prävalenzraten von psychischen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen liegen bei einem Mittelwert von 18% (Opp 2009). Nach Remschmidt und Walter (1990) sind 12,7% aller Kinder psychiatrisch behandlungsbedürftig. Ca. 5% der Kinder und Jugendlichen sind aufgrund psychischer Störungen als dringend behandlungsbedürftig einzuschätzen. In relevanten epidemiologischen Studien zeigt sich überdies die Angststörung, mit einer durchschnittlichen 6-Monatsprävalenz von 10,4%, als häufigste Störung (Ihle, Esser 2008,  54).    Ergebnisse            epidemiologischer Längsschnittstudien zeigen noch dazu hohe Persistenzraten solcher Störungen von ca. 50%. Diese hohe Stabilität psychischer Störungen tritt insbesondere bei externalisierenden Störungen auf. Problemverhalten zeigt sich ferner nicht nur punktuell und kurzfristig, sondern längerfristig und überdauernd (Hillenbrand 2008b). Hinzu kommen verschiedene Risikofaktoren wie beispielsweise Alter, soziale Schicht oder besuchter Schultyp. Wenn sich kindliche Entwicklungsrisiken massieren, finden sich wenige Ressourcen die einen positiven Verlauf der kindlichen Entwicklung garantieren. Diese verschiedenen Faktoren spiegeln sich in der analytischen Epidemiologie wider, wo es um die Aufklärung von Krankheitsursachen geht, anhand des Ursache-Wirkungs-Prinzips (Ihle, Esser 2008).

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Außerdem ist in diesem Bereich wichtig, wie die Verteilung der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Schulen aussieht. Nach Angaben der Kultusministerkonferenz zur sonderpädagogischen Förderung in Schulen für die Jahre 1994 bis 2003, weisen die amtlichen Förderstatistiken für das Jahr 2003 insgesamt 42.627 Schüler mit dem Förderschwerpunkt Emotionale und Soziale Entwicklung auf. Dies entspricht 8,65% aller Schüler mit einer Behinderung sowie 0,5% aller Schüler in der Bundesrepublik Deutschland.

Im Jahr 2005 besuchten von insgesamt 46.134 Schülern mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, 69% eine Förderschule. 14.188 Schüler (31%) wurden in der Regelschule gefördert (Hillenbrand 2008, 38).

Für den weiteren Verlauf dieser Arbeit sind besonders die Zahlen für Nordrhein-Westfalen relevant: „Knapp 130.000 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden zurzeit in NRW an verschiedenen Schulformen [...] unterrichtet. Die Regel ist, auch in Zeiten einer ratifizierten UN-Konvention, die besondere Beschulung dieser Schüler an Förderschulen (ca. 85%). Der größte Teil (ca. 75%) aller Schüler mit Förderbedarf zeigt Lern- und/oder Verhaltensstörungen oder ist dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“ zugeordnet“ (Mays 2010d). Von den knapp 130.000 Schülern in NRW weisen laut Statistik 15,5% Verhaltensstörungen auf. Anhand der errechneten Zahlen von Mays (2010e) ergibt sich, dass 5,64% aller Schüler in NRW im Schuljahr 2008/2009 einen ausgewiesenen sonderpädagogischen Förderbedarf im Primar- und Sekundarstufen 1 – Bereich hatten. Hinsichtlich des Förderschwerpunktes Emotionale und soziale Entwicklung werden nur 5,8% in NRW integrativ beschult. Die Zahlen für NRW werden später im Verlauf dieser Arbeit veranschaulicht und daher jetzt nicht weiter aufgegriffen.

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