Lektion I

Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung

Die relativ  junge  sonderpädagogische Fachrichtung   der            Pädagogik            bei Verhaltensstörungen            stellt            einen            Arbeitsbereich            der            Heil-,            Sonder-            oder Behindertenpädagogik dar (Hillenbrand 2008a). Die Disziplin der Pädagogik bei Verhaltensstörungen, gilt jedoch in ihren begrifflichen Grundlagen als sehr umstritten und problematisch. Die Grenzen zwischen dem, was als normal und dem was als gestört empfunden wird sind unscharf.

.

Aufgrund dessen entwickelte die Kultusministerkonferenz (KMK) den Begriff des Förderschwerpunktes für emotionale und soziale Entwicklung, welcher Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen der emotionalen und sozialen Entwicklung, des Erlebens und der Selbststeuerung beschreibt und besagt, dass diese Kinder und Jugendlichen in ihren Bildungs-, Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten so weit eingeschränkt sind, dass sie im Unterricht der allgemeinen Schule, auch mit Hilfe anderer Dienste, nicht hinreichend gefördert werden können (Opp 2009). Die Klientel im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, umfasst also eine Hochrisikogruppe für die Entwicklung von kinder- und jugendpsychiatrischen Störungen (Schmid, Fegert, Schmeck, Kölch 2007).

.

1.1            Begriffe und Definitionen

1.1.1        Gefühls- und Verhaltensstörungen

Laut dem größten amerikanischen Fachverband Council For Children With Behavior Disorders (CCDB), werden durch den Begriff Gefühls- und Verhaltensstörungen Beeinträchtigungen beschrieben, „die in der Schule als emotionale Reaktionen und Verhalten wahrgenommen werden und sich von altersangemessenen, kulturellen oder ethnischen Normen so weit unterscheiden, dass sie auf die Erziehungserfolge des Kindes oder Jugendlichen einen negativen Einfluss haben“ (Opp 2009, 228). Erziehungserfolge umfassen in diesem Sinne schulische Leistungen, soziale, berufsqualifizierende und persönliche Fähigkeiten. Diese Beeinträchtigungen treten über einen längeren Zeitraum in zwei verschiedenen Verhaltensbereichen (settings) auf, wo mindestens einer dieser Bereiche schulbezogen ist. Die Verhaltensauffälligkeiten sind zudem mehr als eine zeitlich begrenzte, erwartbare Reaktion auf Stresseinflüsse in der Lebensumgebung (ebd. 2009).

1 Theoretische Fundierung

Wenn es um die Erscheinungsformen von Gefühls- und Verhaltensstörungen geht, wird zwischen externalisierenden und internalisierenden Störungen unterschieden. Bei den externalisierenden Störungsformen handelt es sich beispielsweise um Aggression oder Hyperaktivität und eine internalisierende Störung äußert sich beispielsweise in Angstzuständen oder Depressionen (ebd. 2009). Hinzukommend kategorisiert Hillenbrand (2008b) noch zwei weitere Störungsgruppen: Sozial unreifes und sozialisiert delinquentes Verhalten. Ersteres zeigt sich in altersunangemessenem Verhalten und Letzteres drückt sich in Gewalttätigkeit und Beziehungsstörungen aus. Diese vier unterscheidbaren Klassen von Verhaltensstörungen sind durch die internationalen Klassifikationssysteme ICD-10 (International Classifikation of Disorders) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und DSM 4 (Diagnostik and Statistical Manual of Mental Disorders, 4. Ausgabe) definiert und dienen zur Absicherung von Diagnosen und der gemeinsamen Kommunikation. „Die Zuordnung zu anderen Verhaltensweisen und die Einordnung in ähnliche Gruppen von Phänomenen erlauben die Kommunikation über die Problemstellung“ (ebd. 2008b, 114). In diesem Zusammenhang werden bestimmte Kriterien für ein Störungsbild angegeben, deren Erfüllung die Zuordnung der Störung zu einer bestimmten Kategorie erlaubt. Dennoch kommt es immer wieder zu Überschneidungsformen, aufgrund der hohen Komorbidität der einzelnen Störungen. Gefühl- und Verhaltensstörungen treten also oft im Zusammenhang mit anderen komorbiden Störungen auf und spiegeln daher nicht nur die psychischen und psychosomatischen Probleme von Kindern und Jugendlichen wider, sondern sind immer auch der Ausdruck einer suboptimalen Lebensumwelt oder auch gesellschaftlicher Ausgrenzungserfahrungen. Ungefähr ein Drittel der Kinder, die solche sozialen, kulturellen und materiellen Benachteiligungserfahrungen machen, bleiben jedoch auch relativ unauffällig und führen als Erwachsener ein erfolgreiches Leben. Dieses Phänomen nennt man Resilienz und ist bezeichnend für Kinder und Jugendliche mit entsprechenden entwicklungsfördernden Ressourcen. Resiliente Kinder und Jugendliche trotzen Risiken und ungünstigen Lebensumständen und in der psychologischen Forschung bezieht sich Resilienz daher allgemein auf gute Ergebnisse von Entwicklung trotz ernsthafter Gefährdungen für Anpassung oder Entwicklung (ebd. 2008b). Kinder und Jugendliche die eine Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung besuchen sind in Folge dessen eher problembelastet.

-

Im Folgenden soll nun Angst als eine Gefühls- und Verhaltensstörung besonders hervorgehoben werden, da sie im Hinblick auf die nachstehende Rückschulungsthematik von Bedeutung ist.

Comments are closed.